Eching - das bisschen Wind? Gerade
die richtige Herausforderung für einen Ultimate-Spieler waren
die Böen, die am Wochenende über die Felder des TSV Eching
pfiffen. Regen auch noch dazu - hier zeigt sich, wer mit der Frisbee-Scheibe
umgehen kann. 450 Aktive aus elf Ländern trugen seit Donnerstag
in eching ihre Ultimate-Europameisterschaft für Vereinsmannschaften
aus.
Die Münchner Mannschaft mit dem bodenständigen Namen "Mir
San Mir" hatte den Zuschlag für die Ausrichtung des alle
zwei Jahre abgehaltenen Turniers bekommen - und damit ziemliche Probleme.
Denn in ganz München war keine Anlage aufzutreiben, die ähnlich
geeignet für das Ereignis war wie sie nun - dank eines Mannschaftsmitglieds
aus Eching - in der Grossgemeinde aufgetan werden konnte. "Die
Plätzte, das Sportheim, die Campinggelegenheit - hier ist's völlig
optimal", schwärmte Turnierdirektor Jörg Pfündl.
Wichtiges Souvenir für die meisten Teilnehmer war die extra zur
EM geprägte Frisbee-Scheibe mit dem offiziellen Turnieremblem.
Die Turnierscheiben unterscheiden sich in den Augen des Fachmanns
ganz wesentlich von den Scheiben für den Hausgebrauch. "Was
hier oft als Frisbee-Scheibe verscherbelt wird, spottet jeder Beschreibung",
weiss Pfündl. Wettkampftaugliche Scheiben müssten sich die
Ultimate-Enthusiasten aus den USA mitbringen lassen, die seien elastisch,
hätten optimierte Form und damit stabile Flugeigenschaften.
Die überwiegende Mehrzahl der EM-Aktiven campte in Eching vier
Tage lang neben den Spielplätzen - die Ultimate-Szene lebt auch
neben dem sportlichen Wettstreit. "Man kann nicht sagen, dass
sich hier alle 450 kennen", beschreibt Pfündl, "aber
zumindest vom Sehen kennen sich die allermeisten". Abends werden
gemeinsame Parties gefeiert, die Broschüre enthält einen
Münchner Disco-Führer: Ultimate ist ein junger Sport. "Da
sind schon ältere dabei", scherzt Pfündl, "aber
die sehen alle so jung aus, weil Ultimate jung hält."
Die Sportart zumindest ist jung. Vor weniger als 30 Jahren wurde Ultimate,
der schnelle Mannschaftssport mit der Frisbee-Scheibe, in den USA
entwickelt und mit typisch amerikanischer Bescheidenheit gleich auf
den ultimativen Namen getauft. In Deutschland messen sich derzeit
etwa 50 Mannschaften. Die besten der nationalen Meisterschaft haben
sich für die EM qualifiziert. Und zumindest die Gastgeber sorgten
dann auch für sportliche Furore. Sowohl bei den Männern
(24 Teams) als auch in der Fraünkonkurrenz (neun Teilnehmer)
placierten sich "Mir San Mir" auf dem Stockerl.
Nach den beiden Vorrundentagen bei Sonnenschein und Windstille gingen
die weiterführenden Runden bei Witterungsbedingungen über
die Bühne, die hohe Anforderungen an die Teilnehmer stellten.
Die Münchner Männer kämpften sich bis in Halbfinale
durch. Dort aber waren die "Disciples" aus Göteborg
Endstation. Mit 17:20 bei schweren Regenschaürn scheiterten die
Gastgeber nur knapp. Das Endspiel wurde wie erwartet zur rein schwedischen
Angelegenheit. Die europäische Ultimate-Hochburg holte mit "KFUM"
aus örebro und Göteborg Gold und Silber. Im "kleinen
Finale" rafften sich die "Mir San Mir" noch mal zu
grosser Leistung auf und bezwangen die "Red Lights" aus
Amsterdam mit 19:15. Bei den Fraün blieb ebenfalls Platz drei
für die Münchnerinnen. Eine Klasse für sich war hier
Amsterdams "Red Light"-Vertretung. Ein 15:5-Endspielsieg
über die Schwedinnen aus Stenlungsund dokumentierte die überlegenheit
der Niderländerinnen.
Fünd Runden wurden in Eching täglich auf sechs Plätzen
parallel absolviert. Trozt zahlreicher Blessuren - Schulterverletzungen
oder Prellungen durch die "Hechtrollen" beim Scheibenfang
sind typische Ultimate-Verletzungen - gab es keine grösseren
Pannen. Und auch der Geist der Spiele, das extreme Fairnessgebot beim
Ultimate, lebte. "Die längste Unstimmigkeit über eine
Situation", berichtet Pfündl, "hat eine Minute gedaürt".
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Vorgestellt: Carsten
Steger, Dritter bei der Ultimate-EM
Am Echinger See gehörte Carsten Steger immer
schon zu den Frisbee-Enthusiasten. Von Ultimate sah er zum ersten
Mal etwas im Fernsehen, vor sechs, sieben Jahren - und sogar das
Turnier weiss er noch. Das war die Weltmeisterschaft in Oslo. "Wow,
das ist interessant", war der erste Gedanke und der wiederholte
sich, als ihm wenige Tage danach an der TU München ein Plakat
auffiel, das Ultimate-Kurse für Studenten anbot. "Damals
hatte ich gerade ziemlich viele Vorlesungen und keine Zeit dafür
- aber dann war mir das wurscht und ich bin mal hingegangen."
So wird man Ultimate-Spieler; mittlerweile hat der
Echinger zwei Deutsche Meistertitel im Regal, vertrat im Vorjahr
die bayerischen Farben bei der WM in den USA und gehörte nun
zu den EM-Ausrichtern. Seine Vermittlung beim TSV brachte die Titelkämpfe
nach Eching. Seine Truppe von "Mir San Mir" München
ist auch nopch amtierender Deutscher Hallenmeister und das im zweiten
Jahr in Folge. Bei der Hallen-Europameisterschaft wurde Stegers
Team Fünfter, aber für ihn ist "Ultimate in der Halle
nicht si das Richtige". Im Freien steht die Deutsche Vizemeisterschaft
1993 und der 25. Platz der Weltmeisterschaft zu Buche. Mit 48 Teams
massen sich die Münchner da in Madison, Wisconsin; eine Riesensache
für Carsten Steger, "eine kleine Schwäche war nur,
dass die dort kein Bier verkauft haben".
Der Name Ultimate trifft's auch für den 26jährigen
Informatik-Doktoranten: den Sport schlechthin hat er gefunden. "Mit
der Scheibe kann man wahnsinnig interessante Würfe machen",
schwärmt er, "das schafft man mit dem Ball nie."
Für den Anfänger hat es freilich einen Haken, erinnert
er sich: "Nach den ersten paar Kursstunden haben die mich gleich
auf ein Turnier mitgeschleift. Ich war danach so tot, das ist unglaublich."
"Spirit of the Game" -
Schiedsrichter ist überflüssig.
Eching - Zusehern, die sich unbedarft die Ultimate-EM
auf den Fussballplätzen des TSV Eching zu Gemüte führten,
fehlte vor allem eines: der Schiedsrichter. Da ging's um nichts
Geringeres als um europäische Titelehren, und kein unparteiischer
Regelwart wachte über die Konformität mit den Vorschriften.
Im Regelwer des Ultimate-Sports ist als ausdrückliche Vorgabe
die Einhaltung des "Spirit of the Game" gefordert. "Ultimate
hat siet seiner Entstehung auf Sportsgeist vertraut, wodurch die
Verantwortung für Fair Play dem Spieler selbst gegeben wird",
heisst es im Regelheft: "Hoher kämpferischer Einsatz wird
zwar gefordert, dieser darf aber niemals auf Kosten der Verpflichtung
der Spieler zum gegenseitigen Respekt, des Festhaltens an den Spielregeln
oder der Freude am Spiel gehen."
Entwickelt wurde das Ultimate an US-amerikanischen
Universitäten - unverkennbar, denn Grundzüge erinnern
an die beiden uramerikanischen Sportarten Football und Basketball.
Zwei Teams mit je sieben Spielern stehen sich auf einem Feld von
der Grösse eines längs halbierten Fussballplatzes (65
auf 35 Meter) gegenüber. Beide Teams haben je eine 22 Meter
lange Endzone am Längsende des Feldes zu verteidigen. Erhält
ein gegnerischer Spieler in dieser Zone die Frisbee-Scheibe, macht
seine Mannschaft einen Punkt - ähnlich dem Touchdown beim Football.
Den entscheidenden Kick bekommt das Ganze freilich
erst dadurch, dass mit der Scheibe nicht gelaufen werden darf. Ein
Spieler im Scheibenbesitz darf nur Ausfallschritte um ein Standbein
unternehmen. Der Spieler darf die Scheibe höchstens zehn Sekunden
halten - angezählt wird er von seinem direkten Gegenspieler.
Eine Körperberührung zählt als Foul. Die Scheibe
kann also nur erworben werden, wenn sie im Flug gefangen wird, wenn
ein gegnerischer Spieler sie länger als zehn Sekunden hält
oder wenn sie aus gegnerischen Reihe zu Boden fällt.
Scheibensicherheit ist somit das entscheidende
Kriterium für einen guten Spieler. Aber auch die Spieltaktik
legt den Erfolg fest. Abgesprochene Spielzüge können wie
auf dem Reisbrett umgesetzt werden; ein Spieler auf EM-Niveau muss
die Scheibe auf eine 15-Meter-Distanz auf 30 Zentimeter genau werfen
können. Entschieden ist das Match, wenn eine Männer-Mannschaft
21 oder 17 Punkte bei den Fraün gesammelt hat. Wird zuvor aber
ein Zeitlimit von zwei beziehungsweise eindreiviertel Stunden überschritten,
wird das Spiel beendet und der aktuelle Stand gewertet.
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