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Kniefälle vor der Scheibe
 

Ute Kamphausen, SPORTS, September 1990

"Los Jungs, holt Euch das Ding wieder!", schreit Lattek, der die Baseballmütze immer wie Charlie Brown schief auf dem Kopf hat. "Nehmt ihnen die scheibe ab! Come on, Kangaroos!" Dann rennt er selbst los, macht sich lang und länger, streckt den Arm, wird gerempelt und greift daneben. Staub und Grashalme wirbelten durch die Luft. Lattek rutscht auf dem Bauch über den Rasen. "Foul!", schreit er, während die Frisbeescheibe vor seinen Augen eine Pirouette dreht, "Foul!"

Man hört keinen Pfiff. Trotzdem bleiben 13 Frisbee-Spieler wie angewurzelt stehen. Lattek und sein amerikanischer Gegenspieler reden miteinander. Der Amerikaner sagt "sorry", dann bekommt Lattek die Scheibe und schon saust sie in Richtung Endzone, wo man Siegpunkte erzielt.

Simpler Sportsgeist macht's möglich: "Jeder Spieler kann vom anderen erwarten, daß er die Regeln nicht absichtlich verletzen wird." An diese wichtigste Regel, den "Spirit of the game", hält sich jeder beim Ultimate-Frisbee, und deshalb ist es wohl auch die einzige Sportart der Welt, die ohne Schiedsrichter gespielt wird - und funktioniert.

Ultimate Frisbee, das geht so: Sieben Leute gehören zu einem Team, das die Scheibe zum Punkten über ein 110 Meter großes Feld in die gegnerische Endzone bringen muß. Mit der Scheibe darf man nicht laufen. Den Gegner darf man nicht absichtlich berühren. Über Fehler und Fouls einigen sich die beiden beteiligten Spieler. wir man sich einig, wird weitergespielt. Ist man uneinig, geht die Scheibe an die letzte Station zurück. Strafen gibt es nicht - alles ganz einfach, alles ganz unkonventionell. Uniformität im Kopf und am Leib ist verpönt. Einzigartigkeit ist alles.

Zumindest die T-Shirts eines Teams sollten zwar gleich sein, doch bei den meisten haben sie allenfalls die gleiche Grundfarbe. Spätestens ab Hose ist dann die totale Individualität angesagt: selbstgeschneiderte Boxershorts, hautenge Radfahrerhosen, knackige Sprintershorts oder plusterige Bade-bermudas in wilden Mustern und Farben.

Wer genug Haare hat, bindet sie sich zu Zöpfchen - egal ob Mann oder Frau. Manche Teams spielen in unterschiedlichen Hemden, tragen dafür aber passende Kopftücher - Männer wie Frauen. Stirnbänder halten die Lockenpracht der Hippies zurück; Baseballmützen die Haare der Yuppies.

Manager spielen Ultimate Frisbee, Selbständige, Lehrer, Angestellte, Studenten, von allem etwas. Nichts will so recht zusammenpassen bei diesem Häufchen verrückter Leute, die hinter flachen Plastikdeckeln herhechten, doch man kennt sich und man mag sich.

Die Schweden und Finnen, die besten Spieler Europas, wirken in ihren gesponsorten Fussballeruniformen - alles passend, vom Hemd bis zur Socke - wie aus einer anderen Welt. "Aber im Kopf sind die Jungs genauso echte Ultimate-Freaks wie alle anderen auch", sagt der 23jährige Lattek, der eigentlich Marcus Pieper heißt, aber als Spielertrainer der "Kangaroos" aus Essen seinen Spitznamen weg hat.

Er ist wie fast alle Ultimate-Freaks über das Strand- und Gartenspiel Frisbee zum Ultimate gekommen. 1984 hat er in Essen das Team mitgegründet. Heute ist er besessen von seinem Sport und lässt Sportstudium Studium sein, wenn er zu einem Turnier fahren kann.

"Defense, Mann! Defense!", Lattek hält es an der Seitenlinie kaum aus: "Den kannste doch nicht so frei rumlaufen lassen. Dranbleiben, Jungs!", aber so sehr sich das nach Kommando anhört: Es gibt keine autoritären Anweisungen einzelner Personen. Die Taktik wird im Kollektiv besprochen, entschieden und umgesetzt. Jeder wird von jedem beim Angriff angefeuert, beim Punkt bejubelt und beim Verlust der Scheibe angemotzt - auch Lattek.

die Sache ist ein Jux, aber sie ist auch ein anstrengendes Laufspiel. deshalb ist jeder Ersatzmann wichtig, denn das Match geht bis 21 Punkte und kann zwei Stunden dauern. bei manchen Turnieren werden bis zu drei Begegnungen pro Tag gespielt. 21 Spieler dürfen es höchstens pro Team sein; wer weniger hat, muß ganz schön fit sein.

Verliert einer die Scheibe - wenn sie den Boden berührt oder im Aus landet -, muß das Team bltzschnell von Angriff auf Verteidigung umschalten. Es gibt keine langen Pausen wie beim Americn Football, kein Auswechseln von Offensiv-Team gegen Defensiv-Team.

Da muß man plötzlich nicht mehr seinen Gegenspieler, den Marker, mit Körpertäuschungen verwirren, damit man die Scheibe ungehindert abwerfen kann. Man muß sich nicht mehr hakenschlagend freilaufen, sondern dem Gegner selbst als Marker an den Fersen kleben, damit er sich nicht zur Paßannahme freilaufen kann - egal, ob man schon erschöpft ist oder nicht.

Fliegende Wechsel, wie beim Eishockey, sind nicht erlaubt. Erst wenn der Punkt gemacht ist, darf gewechselt werden. Wenn also beide Mannschaften sehr gut in der Verteidigung sind, kann es fünf oder sechs lange Minuten hin- und hergehen, ehe es einem Team gelingt, die Scheibe in der gegnerischen Endzone zu fangen und einen Punkt zu gewinnen.

dann schleppen sich Freund und feind Arm in Arm vom Spielfeld, beglückwünschen einander zu einem "Great dive" oder tollen Paß, teilen die Wasserflaschen und feuern jene an, die sich nun auf dem Feld abrackern und nach jener Scheibe jagen, die vor 42 Jahren als simpler Tortendeckel ihre Karriere begann.

1948 nämlich entdeckten Studenten der Yale-Universität in Connecticut, daß die Tortendeckel, auf denen die Bäckerei Ma Frisbie an der Ecke ihre Apfelkuchen verkaufte, hervorragende Flugeigenschaften besaßen. Student Fred Morrison ließ sich die Idee und den Namen schützen und machte fortan sein Geld mit Frisbee-Plastikscheiben.

Einige der ersten Ultimate-Spieler sind heute noch aktiv. Sie gehen zügig auf die 40 zu und gehören zu den Pionieren, die Ultimate 1968 konstruierten, um dem Flugscheiben-Spaß einen Wettkampfcharakter zu geben, bei dem Fairneß an erster Stelle steht. Trotz ihres leichten Bauchansatzes sehen sie auf dem Feld aus wie Jungen in zu großen Hosen, die für zwei Stunden aus ihrer Männerwelt in eine Spielplatzatmosphäre geflüchtet sind.

Aber ihre Welt holt sie immer wieder ein, wie etwa den US-Manager eines deutschen Chemiekonzerns: Er vertauschte in den Spielpausen eines Turniers in Köln rasch Kopftuch, Bermudas und Zöpfchen mit Hemd, Schlips und Anzug, um im nahegelegenen Mutterkonzern an Konferenzen teilzunehmen.

Ultimate ist aber auch die Spielwiese liebenswerter Spinner wie Frank, ein Bankangestellter, der in seinem Terrarium in Philadelphia zehn Würgeschlangen hält und, wenn er nicht gerade spielt, immer und überall Frisbees und T-Shirts verkauft.

Ohnehin scheinen die meisten Ultimate-Spieler eine Krämerseele zu haben. Zu jedem Ultimate-Turnier gehört die Trading-Night, in der Shirts, Frisbees, Taschen und andere Devotionalien gehandelt werden. Zusätzlich breitet jedes Team am Spielfeldrand seine Kollektion aus, so daß Spieler, die gerade Pause und Luft haben, jederzeit als Verkäufer der Clubutensilien tätig werden können. Besonders die amerikanischen Mannschaften holen einen Teil der teuren Reisekosten nach Europa wieder rein.

Unkomplizierte Organisation ist eine Stärke der Ultimate-Spieler, die sich auch im Deutschen Frisbee-Sport-Flugscheibenverband (DFFV) niederschlägt. In dem 1981 gegründeten DFFV - dessen erster Präsident übrigens Franz Beckenbauer war - sitzen keine knöcherigen Funktionäre und Verwalter, sondern aktive Frisbee-Künstler, die ihr Können bei Veranstaltungen immer wieder gern den staunenden Medienvertretern vorführen. Auch die Organisation des Nationalteams ist beim Ultimate ganz anders als bei anderen Sportarten. Es gibt fünf Spieler, die auf der Jahreshauptversammlung des DFFV zu Nationaltrainern gewählt werden. Lattek ist einer von ihnen. Diese fünf suchen dann in gemeinsamer Abstimmung die 21 Nationalspieler aus und dürfen sich selbst nominieren. Auch das funktioniert.

Ultimate ist hart. Es gibt zerschundene Knie, aufgeschürfte Ellbogen, Blut. Auch bei den Frauen.
Vor drei Jahren hatten die Freundinnen der "Kangaroos" genug vom Zugucken und bildeten ihr eigenes Team. Grundsätzlich sind zwar beim Ultimate auch gemischte Teams erlaubt, aber in der Praxis gibt es nur wenige Mannschaften, in denen Frauen und Männer gemeinsam spielen. Die körperlichen Unterschiede in dem Konditionsspiel sind oft zu groß.

Der Höhepunkt eines jeden Ultimate-Spiels ist das Ultimate-Line-Up. Jede Mannschaft, die auf sich hält, verfügt über ein größeres Repertoire von Line-Up-Songs, Tanezen und Spielern, die im allgemeinen zu Parties überleiten.

"Parties sind überhaupt irre wichtig", sagt Lattek. "Man trifft sich nämlich nicht vorrangig zum Spielen, sondern um Spaß miteinander zu haben."

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