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Gegen alle Regeln des Leistungssports
 

Gerhard Pfeil, SZ, 9.3.1993


Beim Frisbee-Ultimate kommen die Spieler ohne Funktionäre und Schiedsrichter zurecht

Sie sagen, in ihrem Sport gebe es keine Schiedsrichter. Dennoch geht es immer regelgerecht zu. Sie sagen, die Spieler selbst (fünf pro Mannschaft) würden über Foul oder Nicht-Foul entscheiden. Dispute entstehen - man glaubt es kaum - trotz dieser Eigenregie nie.

Was ist das für ein Sport? Nichts scheint den Aktiven heilig. Sie trinken Bier zwischen den Spielen - pfui - und behaupten auch noch, das wirke ebenso aufbauend wie Mineraltee - Frechheit. Sie haben keine Funktionäre, die Reden schwingen, nicht 'mal Trainer. Und wer in die Nationalmannschaft will, der fährt einfach hin zur alljährlichen Sichtung und versucht sein Glück. Klingt irgendwie nach Anarchie.

Leistungssportler sind sie im Grunde schon, bloß der entsprechende Geist hat sie noch nicht beseelt. Und so wichtig sei es auch wieder nicht, wie man körperlich drauf sei, sagen sie, denn primär gehe es nicht ums Gewinnen. Ziemlich peripher tangiert sie ehrgeiziges Gehabe anderer Sparten, sie handeln lieber nach dem olympischen Ideal. Weshalb die Zusammenarbeit im Team ihr höchstes Gut darstellt. Weshalb man den Gegner respektiert, nicht versucht, ihn mit faulen Tricks zu foppen. Immer fair sein, lautet ihr oberstes Gebot, jeder sei für jeden verantwortlich, sagen sie. Spirit of the game, nennen Ultimate-Spieler das.

Ultimate, Frisbee als Mannschaftssport. Was sind das für Leute, die sowas machen? Da gibt es den Ali Tiefenbacher, der vor lauter Freude am Spiel mit Hilfe des Postleitzahlen-Verzeichnisses einen eigenen Ultimate-Jargon kreiert hat. Unter Oberpframmern (Ortschaft östlich von München) steht in seiner Fibel: übers ganze Feld schmeißen. Oggersheim (wo der Kanzler wohnt), bei Fehlpässen auszurufen, hat die Bedeutung: völlig überflüssig, aber nicht auszurotten.

Dann gibt es den Michael Larisch, Nationalspieler aus München. Der wurde vor zwei Wochen beim Ruhrpott-Cup vom Deutschen Sportfernsehen interviewt. Eine Pulle Bier im Anschlag, trat er vor die Kamera, und als ihn der Reporter zum Thema Doping im Ultimate befragen wollte, nutzte Larisch die Sendezeit lieber für einen Werbspruch zugunsten einer Münchner Brauerei. 'Das kam tatsächlich im Fernsehen', erinnert sich Zwillingsbruder Bernd und hofft: 'Vielleicht bekommen wir jetzt einen Sponsor.'

Ultimate hat bei zwei Sportarten Anleihen genommen. Vom Basketball wurde das körperlose Spiel abgeschaut, vom Football das Prinzip des Raumgewinns mit dem Ziel, eine Endzone zu erreichen. Wobei die Akteure mit der Scheibe nicht laufen dürfen, sondern das Sportgerät ausschließlich werfend befördert wird. Ultimate ist kraftraubend, denn alles geschieht im Sauseschritt. 'Man kann nie stehen', sagt Juha Jahowaara, finnischer Nationalspieler, und immer müsse man 'den Blick für den freien Raum haben', meint Kollege Holger Eösch.

Am Wochenende war Eösch in München für sein Team Gummibärchen Karlsruhe in der Bundesliga-Relegationsrunde zugange. Sieben Teams haben sich dabei um drei Plätze gestritten. Die Klasse erhalten haben neben den Weichgummifreunden aus Baden auch die Gastgeber vom Münchner Freizeit Sport Club - in der Szene besser bekannt unter 'Mir san mir', die ungeschlagen Turniersieger wurden. Aufgestiegen aus der zweiten Liga sind die Vertreter von Wall City, Berlin.

Nun braucht niemand zu glauben, es existiere eine Ultimate-Punktrunde. Über Meisterschaft und Abstieg entscheidet jeweils eine Veranstaltung pro Saison, den Rest des Jahres verbringen die Teams auf Freundschaftsturnieren. Die Kosten für die bisweilen aufwendigen Reisen werden aus eigener Tasche bestritten, dafür haben sich die deutschen Ultimater im Gegensatz zu den Branchenführern aus den USA ihre Autonomie erhalten. Dort regieren Sponsorengelder das Geschehen, was zur Folge hat, 'daß es da brutal zur Sache geht', wie Bernd Larisch erzählt: 'Und sowas wollen wir nicht.'

Lieber keine Kohle, dafür beständig dem Spirit of the game fröhnen. Wer beharrlich so denkt, braucht sich nicht zu wundern, daß IOC-Chef Samaranch Ultimate nicht einmal ins Rahmenprogramm seiner Spiele aufnehmen will. Diese Zeitgenossen verstoßen schließlich gegen alle Regeln des Leistungssports.

Gerhard Pfeil

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